Ernte aus der solidarischen Landwirtschaft

Im Test: Solidarische Landwirtschaft

Regional, saisonal und verpackungsfrei einkaufen – die solidarische Landwirtschaft macht es möglich. Ein Erfahrungsbericht.

Vor gut einem Jahr habe ich mich das erste Mal mit der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) beschäftigt. Damals hatte ich als Urlaubsvertretung für eine Freundin zwei Wochen lang die Ernte abgeholt. Das Prinzip der solidarischen und regionalen Landwirtschaft hat mich direkt überzeugt, so dass ich mir für 2017 selbst einen Anteil gekauft habe und nun eine Erntesaison hinter mir habe.

Gemüse kann ich auf dem Markt kaufen, beim Gemüsehändler oder im Supermarkt. Oder aber ich lasse den kompletten Handel außen vor und beteilige mich an einer Solawi in meiner Region. Bis vor eineinhalb Jahren hatte ich vom Prinzip der solidarischen Landwirtschaft noch nie etwas gehört. Was steckt also dahinter? Der Clou an der Solidarische Landwirtschaft ist, dass man den Handel komplett umgeht und die Dinge selbst in die Hand nimmt. Die Solawi-Mitglieder tun sich zusammen und finanzieren den gesamten Gemüseanbau inklusive Saatgut, Pacht, Maschinen und Gehalt für die Mitarbeiter der Erntegemeinschaft. Dafür erhalten sie Ernteanteile und können sich in der Erntezeit (Ende Mai bis Ende Januar) einmal in der Woche ihr Gemüse abholen.

Wie funktioniert die Solidarische Landwirtschaft?

Konkret auf die Solidarische Landwirtschaft Köln bezogen hieß das: Die Gemeinschaft muss garantieren, dass sie gut 50.000 Euro für ein Jahr aufbringt. Damit kann sie unabhängig von Marktzwängen wirtschaften und ein bis zwei Arbeitskräfte und die Pacht bezahlen. Ein Anteil kostet monatlich 80 Euro, ein kleinerer Anteil 64 Euro. Doch das sind nur Richtwerte, denn schließlich funktioniert die Gemeinschaft solidarisch:  Wer mehr geben kann, gibt mehr, um diejenigen, die knapper bei Kasse sind, mitzufinanzieren. In mehreren sogenannten Bieterrunden gibt jeder an, welchen Anteil er zu welchem Preis erwerben möchte. Ich habe mich für den normalen Anteil entscheiden, der für zwei Personen mehr als ausreicht. Mit den 80 Euro monatlich bin ich leider nicht hingekommen, weil wir zunächst zu wenige waren. Doch nachdem ich in den letzten Monaten gesehen habe, wie viel Gemüse man tatsächlich für seinen Anteil bekommt, ist das vollkommen okay.

Und wie komme ich an meine Ernte?

Einmal in der Woche wird auf dem Solawi-Feld in Pulheim-Stommeln – rund 20 Kilometer von Köln entfernt – geerntet. Anschließend wird das Gemüse nach Köln in vier unterschiedliche Ausgabestellen geliefert, an denen man sich seinen Anteil abholt. Keine unnötigen Wege, keine Verpackung, keine Zwischenhändler. Das sind nur einige der vielen Vorteile dieser regionalen Form der Landwirtschaft. Beim Anbau und auch bei der Ernte ist übrigens tatkräftige Unterstützung erwünscht. Keiner muss mitmachen, aber je mehr Mitglieder Unkraut zupfen, gießen, Setzlinge anpflanzen oder Zäune bauen, desto mehr kann mit dem vorhandenen Geld finanziert werden. Wer bei der solidarischen Landwirtschaft mitmacht, hat also einen direkten Bezug zu seinem Obst und Gemüse. Und auch wenn ich es in diesem Jahr nur zweimal aufs Feld geschafft habe, muss ich sagen: Es ist schon ein tolles Gefühl, einen Salat zu essen, den man zwei Wochen vorher selbst gepflanzt oder gegossen hat! Ach ja, Glyphosat oder andere angeblich unverzichtbare Hilfsmittel zum Gemüseanbau braucht es hier natürlich nicht…

Zugegeben, die Abholung erschien mir anfangs zu unflexibel. Wer es gewohnt ist, im Supermarkt jederzeit das kaufen zu können, dem kommt ein Zeitfenster von vier Stunden verdammt klein vor. Geht aber alles! Und wenn wir mal nicht in Nippes abholen können, kann ich die Sachen auch in die Südstadt bringen lassen und dort abholen. Wenn auch das zeitlich nicht hinhaut, gibt es immer jemanden in der Gemeinschaft, der die Ernte mitnehmen und bei dem ich sie später abholen kann. Man muss sich einfach ein wenig umgewöhnen und sich von der Supermarkt-Bequemlichkeit freimachen. Dauert, aber funktioniert hervorragend. Unschlagbar ist übrigens das Gefühl, im Supermarkt irgendwann nur noch Basics wie Nudeln oder Reis zukaufen zu müssen…

Regionales und saisonales Gemüse – ein Lernprozess

Auch an das Gemüseangebot musste ich mich zunächst gewöhnen. Ich gebe zu, zwischendurch konnte ich keinen Salat mehr sehen. Aber je weiter die Erntezeit voranschreitet, desto breiter wird das Angebot. Und nachdem es Anfangs sehr viel Salat, Rübchen und Gurken gab, habe ich inzwischen die gesamte Palette dessen kennengelernt, was hier in der Region wächst: Salat, Grünkohl, Rotkohl, Lauch, Zwiebeln, Kartoffeln, Schnittlauch, Kürbis, Zucchini, Mangold, Rote Bete oder Spinat. Dank des Gewächshauses, das wir gemeinsam gebaut haben, gab es in diesem Jahr auch reichlich Paprika, Tomaten, Auberginen und Chili. Je mehr Leute mitmachen, desto breiter kann das Angebot werden.

Ist das Gemüse aus der Solidarischen Landwirtschaft teuer?

Über das Preis-Leistungsverhältnis des Gemüses kann man sich wahrscheinlich streiten: Auf die Woche runtergerechnet, kostet ein Anteil rund 20 Euro. Dafür habe ich bei meiner letzten Abholung einen Kopf Salat, einen Rotkohl, zwei Stangen Lauch, 2 Kilo Kartoffeln, Frühlingszwiebeln, Tomaten, Möhren, Pastinaken, Kürbis und ein großes Bund Staudensellerie bekommen. Konventionelle Ware im Supermarkt gibt es sicherlich günstiger, Biogemüse in Demeter-Qualität nicht.

Außerdem habe ich in den letzten Monaten probiert, wie ich Gemüse haltbar machen kann, um auch im Winter noch etwas von der reichlichen Ernte zu haben. Da wir im Sommer insbesondere in Zucchini untergegangen sind, haben wir in einem Einmach-Workshop gelernt, wie man Zucchini einkochen kann. Und wenn man einmal weiß, wie das funktioniert, geht das auch mit anderem Gemüse. So habe ich inzwischen auch Vorräte an Rote Bete und Rotkohl eingekocht, auf die ich in den kommenden Monaten zugreifen kann.

Wer neugierig geworden ist, kann sich hier über die Solidarische Landwirtschaft Köln informieren. In den nächsten Wochen gibt es mehrere Infotermine und am 18.11.2017 findet die Bieterrunde für die kommende Saison statt.

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