Ernte aus der solidarischen Landwirtschaft

Im Test: Solidarische Landwirtschaft

Gemüse kann ich auf dem Markt kaufen, beim Gemüsehändler oder im Supermarkt. Oder aber ich lasse den kompletten Handel außen vor und beteilige mich an einer Solidarischen Landwirtschaft in meiner Region. Wie das funktioniert, habe ich als Urlaubsvertretung mal ausprobiert.

Anfang des Jahres bin ich zufällig auf eine Infoveranstaltung zur „Kleinen Solawi Hellmese“ gestoßen. Bis dahin hatte ich vom Prinzip der solidarischen Landwirtschaft noch nie etwas gehört, muss ich zu meiner Schande gestehen. Was steckt also dahinter? Der Clou der Solidarischen Landwirtschaft ist, dass man den Handel komplett umgeht und die Dinge selbst in die Hand nimmt. Mehrere Leute tun sich zusammen und finanzieren mit ihren Anteilen einen Landwirt, der Gemüse anbaut. Die einzelnen SoLaWi-Mitglieder finanzieren Saatgut, Pacht, Maschinen und Gehalt. Dafür erhalten sie Ernteanteile und können sich in der Erntezeit (Ende Mai bis Anfang Dezember) einmal in der Woche ihr Gemüse abholen.

Wie funktioniert die Solidarische Landwirtschaft?

Konkret auf die Solidarische Landwirtschaft Köln bezogen hieß das: Die Gemeinschaft muss garantieren, dass sie gut 30.000 Euro für ein Jahr aufbringt. Damit kann der Landwirt unabhängig von Marktzwängen vernünftig wirtschaften – und das in Demeter-Qualität. Aufgeteilt wird die Finanzierung in Anteile von rund 650 Euro im Jahr – gezahlt wird monatlich. Wer mehr geben kann, gibt mehr, um diejenigen, die knapper bei Kasse sind, mitzufinanzieren. In mehreren sogenannten Bieterrunden gibt jeder an, wie viele Anteile er zu welchem Preis erwerben möchte. Beim Anbau ist übrigens tatkräftige Unterstützung erwünscht. Wer bei der solidarischen Landwirtschaft mitmacht, hat also nicht nur durch die Finanzierung einen direkten Bezug zu seinem Obst und Gemüse.

Genug Leute zusammenzubekommen war gar nicht so leicht, es brauchte einige Runden, bis ausreichend Anteile verteilt waren. Auch ich wollte mir erst einmal ansehen, wie das Ganze funktioniert und habe mich in diesem Jahr nicht beteiligt. Ein Grund: Die Abholung erschien mir zu unflexibel. Es gibt in Köln zwei von den Mitgliedern selbst organisierte Ausgabestellen, an denen man an einem bestimmten Nachmittag in der Woche seine Anteile abholt. Da die nicht gerade bei mir um die Ecke lagen, war ich zunächst skeptisch. Ich war wohl einfach noch zu sehr ans bequeme Einkaufen im Supermarkt gewöhnt – unabhängig von Anbau- und Erntezeiten. Inzwischen sehe ich das anders und es kommt mir auch nicht mehr unbequem vor, einmal die Woche nach Ehrenfeld oder Sülz zu radeln und dort wirklich regionales Biogemüse abzuholen – und nicht das, was einem unter einem regionalen Label in Köln verkauft wird und doch aus Süddeutschland kommt.

Wirklich regionales Gemüse – ein Lernprozess

Wie es zu dem Sinneswandel kam? Ich hab es einfach mal ausprobiert! Als Urlaubsvertretung. Denn Freunde von mir hatten sich davon glücklicherweise nicht durch ihre Bequemlichkeit davon abhalten lassen, sich an der SoLaWi zu beteiligen. Ebenso wenig von dem eher kohl- und salatlastigen Gemüseangebot. Neben diversen Salaten wurden u.a. Grünkohl, Weißkohl, Lauchzwiebeln, Zwiebeln, Schnittlauch, Kürbis, Zucchini, Tomaten und Mangold angepflanzt. Je mehr Leute mitmachen, desto breiter kann das Angebot werden.

Urlaubsvertretung bei der Solidarischen Landwirtschaft

Zweimal bin ich also Anfang September in die Ausgabestelle gefahren, die in Köln-Sülz im Unverpackt-Laden „Tante Olga“ Unterschlupf gefunden hat. Dort wurde ich überrascht: Nicht nur von den größten Zucchini, die ich bis dahin gesehen hatte (jaja, Stadtkind und mit Supermarktgemüse aufgewachsen, da kennt man solche Auswüchse der Natur nicht), sondern auch davon, dass es im September schon Grünkohl gab. Und das bei knapp 30 Grad, die dieser komische Sommer uns noch einmal beschert hat. Auch das „Einkaufsgefühl“ war ein ganz anderes: ein Raum mit Gemüsekisten und ein Zettel, auf dem steht, aus welchen Mengen in dieser Woche dein Anteil besteht. Schließlich erkauft man sich mit den gut 60 Euro im Monat ja nicht immer die gleiche Menge, sondern ist schlicht und ergreifend davon abhängig, wie viel geerntet wurde. Und das ist, so will es die Natur, einfach jede Woche anders.

Seit dieser Urlaubsvertretung steht für mich fest, dass ich im kommenden Jahr bei der Solidarischen Landwirtschaft Köln mitmachen werde. Ich freue mich dabei nicht nur auf das frische Gemüse, sondern auch darauf, ab und an auf dem Feld mitarbeiten zu können. Zu sehen, wie angepflanzt und geerntet wird. Ich bin mir sicher, dann schmeckt mir der Grünkohl nochmal so gut!

Ist das Gemüse aus der Solidarischen Landwirtschaft teuer?

Über das Preis-Leistungsverhältnis des Gemüses kann man sich wahrscheinlich streiten: Auf die Woche runtergerechnet, kostet ein Anteil rund 17 Euro – schließlich wird ja nicht das ganze Jahr über geerntet. Dafür habe ich bei  meinen Vertretungsabholungen jeweils 500 bis 600 Gramm Grünkohl, 2 Zwiebeln, 2 Köpfe Salat, 350 Gramm Tomaten, ein Bund Schnittlauch, eine riesige Zucchini und einen Kürbis bekommen. Konventionelle Ware im Supermarkt gibt es sicherlich günstiger, Biogemüse in Demeter-Qualität nicht.

Wer neugierig geworden ist, kann sich hier über die Solidarische Landwirtschaft Köln informieren. Bald schon geht es in die nächste Runde.

Update:
Auch 2017 wird die SoLaWi wieder fleißig Gemüse anbauen. Bislang wurden fast 60 Anteile „verkauft“, doch es werden dringend noch Leute gesucht die mitmachen. Ein Anteil kostet in diesem Jahr rund 80 Euro, dafür sind mehr als 30 Gemüsesorten im Angebot. Wer nicht so viel braucht oder einfach weniger Geld ausgeben möchte, kann für 64 Euro monatlich einen kleineren Anteil kaufen. Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass die Solidarische Landwirtschaft auch in diesem Jahr zustande gekommen ist und freu mich schon auf mein erstes Mal auf dem Acker!

 

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